Ein Jahrzehnt nach dem gescheiterten Versuch mit Google Glass unternimmt der Tech-Gigant einen neuen Anlauf im Bereich der intelligenten Brillen. Mit einem fortschrittlichen KI-Modell und einem Fokus auf soziale Akzeptanz will Google die Art und Weise, wie wir mit Informationen und unserer Umgebung interagieren, grundlegend verändern. Erste Prototypen zeigen, dass die Technologie weit über das hinausgeht, was bisher möglich war.
Das Ziel ist ambitioniert: Anstatt ständig zum Smartphone zu greifen, sollen Informationen direkt in unserem Sichtfeld erscheinen und kontextbezogene Aufgaben per Sprachbefehl erledigt werden. Doch der Weg dorthin ist mit technischen Hürden und gesellschaftlichen Fragen gepflastert, die Google diesmal von Anfang an berücksichtigen muss.
Wichtige Erkenntnisse
- Google entwickelt eine neue Generation von KI-gestützten Smart Glasses, die auf der Software-Plattform Android XR laufen.
- Die Brille integriert das KI-Modell Gemini, um kontextbezogene Fragen zu beantworten, Objekte zu identifizieren und Bilder zu bearbeiten.
- Im Gegensatz zum Vorgänger Google Glass liegt ein starker Fokus auf Datenschutz und sozialer Akzeptanz, unter anderem durch eine sichtbare LED-Anzeige bei Kameranutzung.
- Google kooperiert mit etablierten Brillenherstellern wie Warby Parker und Gentle Monster, um modische Designs zu gewährleisten.
- Der Markt für Smart Glasses ist umkämpft; Meta hat mit seinen Ray-Ban-Brillen bereits Erfolge erzielt.
Ein zweiter Anlauf nach dem Scheitern von Google Glass
Viele erinnern sich noch an Google Glass, das vor rund zehn Jahren für Aufsehen sorgte. Die futuristisch anmutende Brille versprach eine neue Ära der Computer-Interaktion, scheiterte jedoch am Markt. Die Gründe waren vielfältig: ein hoher Preis, ein unauffälliges Design, begrenzte Funktionalität und vor allem massive Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre.
Die Möglichkeit, unbemerkt Fotos und Videos aufzunehmen, führte zu öffentlicher Ablehnung und dem Begriff „Glasshole“ für Träger der Brille. Google scheint aus diesen Fehlern gelernt zu haben. Juston Payne, Googles Produktdirektor für Android XR, betont, dass die soziale Akzeptanz entscheidend für den Erfolg sei.
Der neue Prototyp verfügt, ähnlich wie Metas Ray-Ban-Brillen, über eine deutlich sichtbare Leuchte, die aktiviert wird, sobald die Kamera oder die KI-Bildverarbeitung genutzt wird. Dies soll Transparenz schaffen und das Misstrauen in der Öffentlichkeit abbauen.
„Wir glauben, dass Brillen an einem Mangel an sozialer Akzeptanz scheitern können. Anders gesagt, wir müssen uns voll und ganz dem Thema Datenschutz widmen.“
Zudem setzt Google auf Partnerschaften mit bekannten Brillenmarken wie Warby Parker und Gentle Monster. Dieser Schritt soll sicherstellen, dass die neuen Geräte nicht als klobige Technik, sondern als modisches Accessoire wahrgenommen werden – ein entscheidender Faktor für die Massentauglichkeit.
Gemini als das Gehirn der Brille
Das Herzstück der neuen Brille ist die tiefe Integration von Googles leistungsstarkem KI-Modell Gemini. Die Softwareplattform, die das Ganze antreibt, heißt Android XR. Diese Kombination ermöglicht es der Brille, die Umgebung des Nutzers nicht nur zu erfassen, sondern auch zu verstehen und intelligent darauf zu reagieren.
Bei Demonstrationen wurden beeindruckende Fähigkeiten gezeigt. Richtet man den Blick auf ein Bücherregal, kann man die KI fragen: „Muss ich die anderen Bücher dieser Reihe lesen, um dieses zu verstehen?“ Im Supermarkt kann die Brille auf eine Chilischote blicken und die Frage „Sind diese scharf?“ beantworten. Die Informationen werden direkt ins Ohr oder, bei Modellen mit Display, dezent ins Sichtfeld projiziert.
Beeindruckende Bildbearbeitung in Echtzeit
Eine besonders eindrucksvolle Funktion ist die Bildmanipulation durch KI. Nachdem ein Foto des Raumes aufgenommen wurde, konnte es mit dem Sprachbefehl „Lass es wie am Nordpol aussehen“ augenblicklich umgestaltet werden. Diese Fähigkeit wird durch Googles „Nano Banana AI“-Modell ermöglicht und zeigt das Potenzial für kreative Anwendungen, wirft aber gleichzeitig neue Fragen zur Authentizität von Bildern auf.
Navigation und Kommunikation neu gedacht
Die Art und Weise, wie wir uns in fremden Städten orientieren, könnte sich ebenfalls verändern. Anstatt ständig auf das Smartphone zu schauen, zeigt die Brille Navigationspfeile direkt im Sichtfeld an. Eine detailliertere Karte erscheint, wenn der Nutzer nach unten blickt. Dies ermöglicht eine natürlichere und sicherere Navigation, ohne den Blick vom Verkehrsgeschehen abwenden zu müssen.
Auch die Kommunikation wird vereinfacht. Anrufe können freihändig entgegengenommen werden, und die Brille kann bei Gesprächen in Fremdsprachen als Simultanübersetzer fungieren. Die Übersetzung wird dem Träger direkt ins Ohr geflüstert.
Wettbewerb und die Zukunft der Computer
Google ist nicht allein auf diesem Feld. Der Wettbewerb ist bereits in vollem Gange, und andere Tech-Giganten wollen sich ebenfalls ein Stück vom Kuchen sichern, den sie als die nächste große Computerplattform betrachten. Meta hat mit seinen Ray-Ban Smart Glasses bereits beachtliche Verkaufserfolge erzielt und berichtet, dass neue Modelle oft innerhalb von 48 Stunden ausverkauft sind.
Die Vision: Weg vom Smartphone
Sowohl Google als auch Meta verfolgen die Vision, die Abhängigkeit vom Smartphone zu verringern. Stattdessen soll eine neue Generation von Wearables, insbesondere Brillen, als primäre Schnittstelle zur digitalen Welt dienen. Dies würde eine grundlegende Verschiebung in der Art und Weise bedeuten, wie wir Technologie im Alltag nutzen – von einer aktiven, händischen Bedienung hin zu einer passiven, kontextbezogenen Unterstützung.
Für Google steht dabei viel auf dem Spiel. Obwohl das Unternehmen sein Geld hauptsächlich mit Suche, Werbung und Cloud-Diensten verdient, ist die Etablierung einer eigenen Hardware-Plattform strategisch wichtig. „Wenn man sich ansieht, wie Google und viele Unternehmen in unserer Branche gewachsen sind, geht es immer um die Expansion mit neuen Computerplattformen“, erklärt Payne. Android XR soll, ähnlich wie Android für Smartphones, auch anderen Herstellern wie Samsung und Xreal zur Verfügung gestellt werden, um ein breites Ökosystem zu schaffen.
Herausforderungen und offene Fragen
Trotz der beeindruckenden technologischen Fortschritte ist der Weg zum Massenprodukt noch weit. Die soziale Interaktion mit einer KI-Brille fühlt sich teilweise noch unnatürlich an. Es kann vorkommen, dass man spricht, bevor die KI zuhört, oder dass man die Antworten der KI unterbricht. Diese Feinheiten der menschlichen Kommunikation müssen noch besser abgestimmt werden.
Google selbst räumt ein, dass die Brille das Smartphone nicht vollständig ersetzen wird. Vielmehr wird sie als Ergänzung gesehen, die für bestimmte Aufgaben besser geeignet ist. Interessanterweise plant Google, die Brille auch mit dem iPhone kompatibel zu machen, um eine möglichst große Nutzerbasis zu erreichen.
Es sind verschiedene Versionen geplant:
- Ein Modell nur mit Audio-Feedback.
- Ein Modell mit einem Display für visuelle Informationen.
- Ein zukünftiges Modell mit zwei Displays für komplexere Grafiken.
Preise oder ein genaues Erscheinungsdatum hat Google noch nicht bekannt gegeben. Der Erfolg wird letztlich davon abhängen, ob es dem Unternehmen gelingt, einen echten Mehrwert zu schaffen, der die verbleibenden Bedenken hinsichtlich Datenschutz und sozialer Etikette überwiegt.





