Ein führender Vertreter von Sapphire Technology, einem exklusiven Partner von AMD, hat eine grundlegende Änderung in der Zusammenarbeit mit Chipherstellern gefordert. Ed Crisler, PR-Manager für Nordamerika bei Sapphire, wünscht sich mehr kreativen Spielraum für die Board-Partner, um echte Innovationen und eine stärkere Differenzierung auf dem Grafikkartenmarkt zu ermöglichen.
Die Forderung zielt darauf ab, die aktuell oft nur minimalen Leistungsunterschiede zwischen den Modellen verschiedener Hersteller zu überwinden und den Partnern zu erlauben, einzigartige Produkte zu entwickeln, die über reine Kühler-Modifikationen hinausgehen.
Die wichtigsten Punkte
- Sapphire wünscht sich von Chipherstellern wie AMD mehr Freiheiten bei der Entwicklung von Grafikkarten.
- Aktuell sind die Leistungsunterschiede zwischen Partnermodellen mit 1,5 % bis 2 % oft vernachlässigbar.
- Die Entwicklung extremer High-End-Serien wie "TOXIC" ist aufgrund hoher Kosten und Marktrisiken ausgesetzt.
- Der umstrittene 12V-2x6-Stromanschluss wird trotz weniger Probleme als Stigma wahrgenommen, das zukünftige Entscheidungen beeinflusst.
Ein Plädoyer für echte Innovation
In der aktuellen Marktsituation fühlen sich viele Grafikkarten verschiedener Hersteller sehr ähnlich an. Laut Ed Crisler von Sapphire liegt das an den strengen Vorgaben der Chiphersteller wie AMD und Nvidia. Diese Vorgaben schränken die Möglichkeiten der Board-Partner erheblich ein.
Crislers Idealvorstellung ist einfach: Der Chiphersteller liefert die GPU und den Speicher und definiert die grundlegenden technischen Anforderungen. Den Rest – vom Platinenlayout über die Stromversorgung bis zum Kühlerdesign – sollten die Partner in Eigenregie übernehmen dürfen. "Gebt uns den Chip. Gebt uns den RAM. Sagt uns, was wir bereitstellen müssen, damit es mit der Platine funktioniert. Und dann lasst uns die Karten machen", erklärte Crisler.
Er argumentiert, dass dies zu einer echten Vielfalt führen würde. Anstatt sich in einem Markt zu bewegen, der "zu sehr gleich" geworden ist, könnten Unternehmen wie Sapphire ihr volles Potenzial entfalten und wirklich einzigartige Produkte schaffen.
Kaum messbare Leistungsunterschiede
Ein zentrales Problem der aktuellen Situation sind die minimalen Leistungszuwächse. Crisler weist darauf hin, dass der Unterschied zwischen der langsamsten und der schnellsten werkseitig übertakteten Karte einer GPU-Serie oft nur zwischen 1,5 % und 2 % beträgt. Dieser geringe Abstand liegt häufig innerhalb der Messtoleranz.
Für Käufer bedeutet das, dass die reine Leistung in Bildern pro Sekunde (FPS) kaum noch ein Unterscheidungsmerkmal ist. Die Kaufentscheidung verlagert sich stattdessen auf andere Aspekte wie die Kühlleistung, die Lautstärke, die Qualität der Stromversorgung und den Kundensupport. Diese Faktoren sind für Verbraucher und Tester jedoch weitaus schwieriger zu quantifizieren als reine FPS-Zahlen.
Hintergrund: Die Rolle der Board-Partner
Unternehmen wie Sapphire, ASUS, Gigabyte oder MSI werden als Board-Partner (oder Add-in-Board-Partner, AIBs) bezeichnet. Sie kaufen die Grafikprozessoren (GPUs) von AMD oder Nvidia und bauen darum herum eine komplette Grafikkarte. Ihre Aufgabe ist es, das PCB (die Leiterplatine), die Stromversorgung und die Kühllösung zu entwerfen und zu fertigen. Die Vorgaben der Chiphersteller bestimmen jedoch, wie viel Freiheit sie dabei haben.
Die Zukunft der High-End-Serie "TOXIC"
Die Forderung nach mehr Freiheit ist eng mit der Zukunft von Enthusiasten-Serien wie Sapphires "TOXIC"-Reihe verknüpft. Diese Modelle waren für extreme Leistung, massive Kühlung und ein auffälliges Design bekannt. Crisler erklärte, dass Sapphire bei jeder neuen Grafikkartengeneration über eine Neuauflage nachdenkt, die Entscheidung aber von den Rahmenbedingungen abhängt.
Eine moderne TOXIC-Karte müsste deutlich mehr bieten als die bereits sehr leistungsstarke Nitro+-Serie. Das bedeutet höhere Taktraten, eine noch stärkere und leisere Kühlung sowie eine verbesserte Stromversorgung. Diese Upgrades würden die Produktionskosten erheblich steigern.
"Manchmal wünschte ich wirklich, die Chiphersteller würden aus dem Weg gehen und uns Partner einfach unsere Karten machen lassen. Lasst uns unseren Spaß haben. Lasst uns durchdrehen. Lasst es echte Differenzierung geben."
Eine hypothetische High-End-Karte mit diesen Merkmalen könnte laut Crisler rund 150 US-Dollar teurer sein als das Standardmodell. Sapphire muss daher abwägen, ob genügend Käufer bereit wären, diesen Aufpreis zu zahlen, um die hohen Entwicklungs- und Produktionskosten zu rechtfertigen. Bisher scheint das Marktrisiko zu hoch, weshalb die Serie vorerst auf Eis liegt.
Der Trend weg von Ultra-OC-Modellen
Sapphire ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Die meisten Board-Partner haben das Segment der extrem übertakteten Karten weitgehend aufgegeben. Nur wenige Ausnahmen wie die GALAX RTX 4090 HOF oder die ASUS RTX 4090 MATRIX wagten sich in der aktuellen Generation mit speziellen Stromversorgungen in diesen Nischenmarkt vor.
Die Kontroverse um den 12V-2x6-Anschluss
Ein weiteres Thema, das die Branche beschäftigt, ist der 12V-2x6-Stromanschluss, der durch Schmelzprobleme bei Nvidia-Karten bekannt wurde. Sapphire setzte diesen Anschluss bei seiner Radeon RX 7900 XTX Nitro+ ein, laut Crisler vor allem aus ästhetischen Gründen, um das Kabel besser verstecken zu können.
Er betonte, dass dem Unternehmen nur drei Fälle von Problemen mit dem Anschluss bekannt seien. In jedem dieser Fälle sei die Ursache auf ein fehlerhaftes Adapterkabel zurückzuführen gewesen, nicht auf den Anschluss an der Karte selbst oder das Netzteil.
Ein Stigma bleibt
Ob Sapphire den Anschluss auch in Zukunft verwenden wird, ist unklar. Crisler persönlich hält den Stecker bei einer Leistungsaufnahme von 300 bis 350 Watt für "einigermaßen sicher", vorausgesetzt, er ist vollständig eingesteckt und das Kabel wird nicht stark gebogen. Dennoch räumt er ein, dass der Standard überarbeitet werden muss.
Das größte Problem sei jedoch das Stigma. Selbst wenn der Anschluss technisch verbessert wird, bleibt der schlechte Ruf in den Köpfen der Verbraucher haften. Die Entscheidung über die zukünftige Verwendung ist daher nicht nur eine technische, sondern auch eine Frage der Marktwahrnehmung.





