Das KI-Unternehmen Anthropic hat einen neuen KI-Agenten namens Claude Cowork vorgestellt, der direkt auf die Dateien eines Nutzers zugreifen und diese bearbeiten kann. Das Werkzeug soll Aufgaben wie das Organisieren von Dokumenten oder das Erstellen von Tabellenkalkulationen automatisieren, wirft aber auch Fragen zur Sicherheit und zum Wettbewerb auf.
Vorerst ist Claude Cowork als Forschungsvorschau nur für Abonnenten der teuersten „Max“-Tarife verfügbar, die 100 oder 200 US-Dollar pro Monat kosten. Damit positioniert sich Anthropic als direkter Konkurrent zu etablierten Lösungen wie Microsofts Copilot im Markt für Unternehmensproduktivität.
Das Wichtigste in Kürze
- Anthropic hat Claude Cowork als neuen KI-Agenten veröffentlicht, der direkt mit lokalen Dateien interagiert.
- Das Tool ist für allgemeine Büroaufgaben konzipiert und richtet sich an nicht-technische Nutzer.
- Es basiert auf der leistungsstarken Technologie von Claude Code, einem Assistenten für Programmierer.
- Sicherheitsbedenken, insbesondere durch „Prompt Injections“, werden vom Unternehmen offen angesprochen.
- Die Einführung könnte den Wettbewerbsdruck auf spezialisierte KI-Startups erhöhen.
Ein digitaler Kollege für alltägliche Aufgaben
Stellen Sie sich einen Assistenten vor, der nicht nur Fragen beantwortet, sondern aktiv auf Ihrem Computer arbeitet. Genau das verspricht Claude Cowork. Das KI-Tool kann Dateien lesen, analysieren, verschieben und sogar neue Dokumente erstellen, ohne dass der Nutzer jeden Schritt einzeln anweisen muss.
Anthropic beschreibt die Interaktion als „weniger wie ein Hin und Her, sondern eher so, als würde man einem Kollegen eine Nachricht hinterlassen“. Die Idee ist, dass der Agent Aufgaben autonom erledigt. Zu den von Anthropic gezeigten Anwendungsfällen gehören:
- Das automatische Sortieren eines unübersichtlichen Download-Ordners.
- Die Umwandlung von abfotografierten Belegen in eine übersichtliche Spesentabelle.
- Das Erstellen erster Entwürfe für Berichte basierend auf verstreuten Notizen auf dem Desktop.
Damit zielt das Unternehmen auf eine breite Nutzerbasis ab, die weit über Programmierer und IT-Spezialisten hinausgeht.
Von der Nische in den Massenmarkt
Die technologische Grundlage für Claude Cowork ist nicht neu. Sie stammt von Claude Code, einem bereits etablierten KI-Assistenten, der speziell für die Softwareentwicklung konzipiert wurde. Claude Code ist bekannt für seine Fähigkeit, komplexe Programmieraufgaben zu lösen und sogar funktionierende Anwendungen zu erstellen.
Viele Experten merkten bereits an, dass die Fähigkeiten von Claude Code weit über das reine Programmieren hinausgingen. Der Name und die auf Entwickler zugeschnittene Benutzeroberfläche schreckten jedoch viele potenzielle Nutzer ab. Mit Cowork macht Anthropic diese leistungsstarke Technologie nun für alle zugänglich.
Entwicklung in Rekordzeit
Laut Boris Cherny, dem Leiter von Claude Code, wurde Claude Cowork in nur etwa anderthalb Wochen entwickelt. Bemerkenswert ist, dass dabei größtenteils Claude Code selbst zum Einsatz kam. Das Projekt demonstriert somit die Fähigkeit der KI, ihre eigene Weiterentwicklung zu beschleunigen.
Diese Strategie könnte Anthropic einen entscheidenden Vorteil im Wettbewerb verschaffen. Anstatt einen Assistenten von Grund auf für Verbraucher zu entwickeln, adaptiert das Unternehmen eine bereits bewährte und leistungsstarke Technologie. Simon Willison, ein britischer Programmierer, kommentierte die Veröffentlichung treffend:
„Dies ist ein allgemeiner Agent, der gut positioniert zu sein scheint, um die unglaublich leistungsfähigen Fähigkeiten von Claude Code einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ich wäre sehr überrascht, wenn Gemini und OpenAI nicht mit eigenen Angeboten in dieser Kategorie nachziehen.“
Wettbewerb und Sicherheitsbedenken
Mit der Einführung von Claude Cowork tritt Anthropic in direkte Konkurrenz zu etablierten Produktivitätswerkzeugen wie Microsoft Copilot. Der Fokus auf autonome Aufgabenbearbeitung könnte das Unternehmen für Firmen attraktiv machen, die nach umfassenden KI-Lösungen suchen. Berichten zufolge gewinnt Anthropic bereits schneller an Boden im Unternehmenssektor als der Konkurrent OpenAI.
Allerdings birgt ein so mächtiges Werkzeug auch Risiken. Die größte Gefahr sind sogenannte „Prompt Injections“. Dabei schleusen Angreifer versteckte bösartige Anweisungen in Webseiten, E-Mails oder Dokumente ein, die der KI-Agent verarbeitet. Diese Anweisungen können die KI dazu bringen, unerwünschte Aktionen auszuführen, beispielsweise sensible Daten zu exfiltrieren oder schädliche Dateien herunterzuladen.
Was sind Prompt Injections?
Bei einer Prompt Injection wird ein Sprachmodell (LLM) durch manipulierte Eingaben ausgetrickst. Der Angreifer versteckt Befehle in scheinbar harmlosen Texten, Bildern oder Links. Wenn die KI diese Inhalte verarbeitet, folgt sie den versteckten Anweisungen anstelle der ursprünglichen Aufgabe des Nutzers. Dies stellt ein grundlegendes Sicherheitsproblem für alle KI-Agenten dar, die mit externen Daten interagieren.
Anthropic geht offen mit diesem Risiko um. In der Ankündigung warnt das Unternehmen die Nutzer und empfiehlt Vorsichtsmaßnahmen, wie etwa die Beschränkung des Zugriffs auf vertrauenswürdige Webseiten. Gleichzeitig räumt das Unternehmen ein, dass seine Schutzmaßnahmen nicht unfehlbar sind: „Die Sicherheit von Agenten [...] ist in der Branche immer noch ein aktives Entwicklungsfeld.“
Folgen für die Startup-Landschaft
Die Veröffentlichung von Claude Cowork sorgt auch in der Startup-Szene für Unruhe. Viele junge Unternehmen haben sich darauf spezialisiert, genau die Probleme zu lösen, die Cowork nun als Teil eines größeren Pakets anbietet – sei es die Organisation von Dateien, die Extraktion von Daten oder die Erstellung von Dokumenten.
Wenn große KI-Labore wie Anthropic, OpenAI oder Google solche Funktionen direkt in ihre Basismodelle integrieren, gerät das Geschäftsmodell dieser Startups unter Druck. Es ist eine bekannte Sorge in der Branche: Die Plattform, auf der man aufbaut, könnte über Nacht zum größten Konkurrenten werden.
Einige Gründer argumentieren jedoch, dass es weiterhin Nischen für spezialisierte Anbieter geben wird. Unternehmen mit tiefem Fachwissen in einer bestimmten Branche oder einer überlegenen Benutzererfahrung für spezifische Arbeitsabläufe könnten sich weiterhin am Markt behaupten. Dennoch zeigt die Einführung von Claude Cowork deutlich, wie schnell sich der KI-Markt konsolidiert und wie schwierig es für kleine Anbieter wird, mit den großen Plattformen mitzuhalten.





