In Philadelphia, einer der größten Städte der USA, nehmen Bürger die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs selbst in die Hand. Eine Gruppe anonymer Künstler, die sich „Make it Weird“ nennt, installiert an Bushaltestellen selbstgebaute, solarbetriebene Digitalanzeigen, die Ankunftszeiten in Echtzeit anzeigen. Diese Aktion ist eine direkte Reaktion auf die jahrelangen Verzögerungen bei einem offiziellen Projekt der städtischen Verkehrsbetriebe SEPTA.
Das Wichtigste in Kürze
- Künstler installieren in Philadelphia illegale, aber funktionierende Echtzeit-Anzeigetafeln für Busse.
- Die Geräte sind solarbetrieben und nutzen die öffentlichen Daten der Verkehrsbetriebe SEPTA.
- Die Aktion soll Pendlern helfen und Druck auf die Behörden ausüben, ein seit 2024 geplantes Projekt umzusetzen.
- Die Verkehrsbetriebe kämpfen mit einem Haushaltsdefizit von 231 Millionen Dollar und Verzögerungen bei der Einführung offizieller Anzeigen.
Ein Problem des öffentlichen Nahverkehrs
Für viele Pendler in Philadelphia ist der Alltag von Unsicherheit geprägt. An den meisten Bushaltestellen fehlen digitale Anzeigen, die über die tatsächlichen Ankunftszeiten der Busse informieren. Fahrgäste ohne Smartphone sind oft gezwungen, im Ungewissen zu warten, da sie keine Möglichkeit haben, die Position der Busse live zu verfolgen.
Diese Lücke im Service sollte eigentlich längst geschlossen sein. Bereits im Jahr 2024 vergab die Southeastern Pennsylvania Transportation Authority (SEPTA) einen Vertrag im Wert von sechs Millionen Dollar an ein kalifornisches Unternehmen. Das Ziel: die Installation von bis zu 700 digitalen Bildschirmen im gesamten Stadtgebiet. Doch Jahre später ist von diesen Anzeigen noch keine Spur zu sehen.
Die „Bus Stop Banksy“-Initiative
Wo die offizielle Infrastruktur versagt, entsteht eine kreative Lösung aus der Zivilgesellschaft. Eine anonyme Künstlergruppe, die unter dem Pseudonym „Make it Weird“ auftritt, hat begonnen, eigene Anzeigetafeln zu entwerfen, zu bauen und an Haltestellen zu montieren. Ein lokaler Reporter nannte die Urheber treffend den „Bus Stop Banksy“ – ein Name, den die Künstler inzwischen angenommen haben.
Die kunstvoll gestalteten Gehäuse der Anzeigen enthalten moderne, aber kostengünstige Technik. Sie zeigen nicht nur die Buslinien an, sondern auch die geschätzten Ankunftszeiten in Minuten. Die Daten dafür beziehen die Geräte direkt aus der öffentlichen Datenschnittstelle von SEPTA, dieselbe Quelle, die auch von Apps wie Google Maps genutzt wird.
Wie die Technik funktioniert
Das Herzstück jeder Anzeige ist ein ESP32-Mikrocontroller, der über WLAN- und Bluetooth-Funktionen verfügt. Dieser steuert ein E-Paper-Display, das für seinen extrem niedrigen Stromverbrauch bekannt ist – ähnlich der Technologie in E-Book-Readern. Ein kleines Solarpanel lädt eine Batterie auf, die das System autark mit Energie versorgt. Alle Komponenten sind in einem wetterfesten Gehäuse untergebracht.
Mehr als nur eine technische Spielerei
Die Motivation der Künstler ist zweigeteilt. Einerseits wollen sie Pendlern eine konkrete Hilfe im Alltag bieten. Andererseits ist das Projekt ein politisches Statement. Es soll den Druck auf SEPTA erhöhen, die eigenen Versprechen endlich einzulösen und den öffentlichen Nahverkehr für alle zugänglicher zu machen.
„Wir sollten eine Haushaltskrise nicht als Entschuldigung dafür akzeptieren, Menschen nicht freundlich zu behandeln und sich nicht um sie zu kümmern“, erklärte ein Mitglied von „Make it Weird“ anonym. „Wir sollten unsere Verkehrsbetriebe und die Leute, die dort arbeiten, an einen höheren Standard halten.“
Die Gruppe plant, insgesamt zehn dieser Schilder an verschiedenen Orten in der Stadt zu installieren. Jedes Schild wird von einem anderen lokalen Künstler gestaltet, was der Aktion eine persönliche und gemeinschaftliche Note verleiht.
SEPTAs Herausforderungen: Geld und Sicherheit
Die Verkehrsbetriebe von Philadelphia stehen vor erheblichen Problemen. Eine Sprecherin von SEPTA, Kelly Greene, erklärte, dass die Verzögerungen bei der Einführung der offiziellen Anzeigetafeln unter anderem auf die Notwendigkeit zurückzuführen seien, strenge Cybersicherheitsanforderungen zu erfüllen. Interne Teams arbeiten mit dem beauftragten Anbieter daran, die Systeme sicher zu machen, bevor sie im öffentlichen Raum eingesetzt werden.
Finanzielle Schieflage
Die größte Hürde ist jedoch die finanzielle Situation. SEPTA verzeichnete in diesem Jahr ein Haushaltsdefizit von 231 Millionen Dollar. Zwar konnte der Gouverneur von Pennsylvania, Josh Shapiro, im November eine Notfinanzierung in Höhe von 220 Millionen Dollar bereitstellen, doch für eine langfristige Stabilität ist die Behörde auf weitere Mittel angewiesen.
Die Verhandlungen über eine dauerhafte Finanzierung gestalten sich schwierig, da insbesondere republikanische Senatoren aus ländlichen Gebieten die Leistung und Effizienz von SEPTA in Frage stellen. Experten warnen, dass ohne eine nachhaltige Lösung empfindliche Servicekürzungen unvermeidlich sein werden.
Eine Idee, die Schule machen könnte
Die Künstler von „Make it Weird“ sind nicht die Einzigen, die in Philadelphia aktiv geworden sind. Unabhängig von ihnen hat auch der Kreativdirektor Max Goldberg eine eigene Lösung entwickelt. Aus seinem Heimbürofenster, das auf eine Bushaltestelle blickt, zeigt er Pendlern die Ankunftszeiten auf einem selbstgebauten Display an. Die Dankbarkeit der Community zeigt sich in kleinen Notizen, die an seinem Fenster hinterlassen werden.
Sowohl Goldberg als auch die Künstlergruppe planen, den von ihnen entwickelten Code zu verfeinern und als Open-Source-Projekt zu veröffentlichen. Ihr Ziel ist es, dass ähnliche Bürgerinitiativen in anderen Städten und Ländern entstehen können. Bis dahin helfen ihre kleinen, kunstvollen Geräte den Menschen in Philadelphia, pünktlich ihren Bus zu erreichen – ein greifbares Ergebnis zivilen Engagements.




