In der Softwareentwicklung zeichnet sich ein fundamentaler Wandel ab. OpenAI, eines der führenden Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz, setzt zunehmend auf seinen eigenen KI-Programmieragenten Codex, um dessen Entwicklung voranzutreiben. Ein Großteil der Software, aus der Codex besteht, wird inzwischen von Codex selbst geschrieben, was die Grenzen zwischen Werkzeug und Entwickler verwischt.
Dieser Ansatz beschleunigt nicht nur interne Prozesse, sondern verändert auch die Art und Weise, wie Software-Teams zusammenarbeiten. Die KI wird dabei nicht nur als Werkzeug, sondern als vollwertiger digitaler Kollege behandelt, der Aufgaben zugewiesen bekommt und eigenständig Lösungen erarbeitet.
Das Wichtigste in Kürze
- OpenAI nutzt seinen KI-Agenten Codex, um die eigene Software weiterzuentwickeln.
- Der KI wird wie ein menschlicher Mitarbeiter über Projektmanagement-Tools in den Arbeitsablauf integriert.
- Ein praktisches Beispiel ist die Entwicklung der Sora-Android-App, die in nur 18 Tagen von einem kleinen Team realisiert wurde.
- Trotz interner Erfolge zeigen Studien, dass der Produktivitätsgewinn durch KI-Programmierwerkzeuge vom Kontext abhängt.
Ein Werkzeug, das sich selbst erschafft
Die Idee, dass ein Werkzeug zur Verbesserung seiner selbst eingesetzt wird, ist in der Technologiegeschichte nicht neu. Ähnlich wie die ersten Computerchips die Entwicklung von Software ermöglichten, die wiederum komplexere Chips entwarf, befindet sich OpenAI nun in einem vergleichbaren Kreislauf. „Ich denke, der überwiegende Teil von Codex wird von Codex gebaut, also wird es fast ausschließlich dazu verwendet, sich selbst zu verbessern“, erklärte Alexander Embiricos, Produktleiter für Codex bei OpenAI.
Codex ist ein cloudbasierter Software-Agent, der Entwickler bei Aufgaben wie dem Schreiben neuer Funktionen, der Behebung von Fehlern oder dem Vorschlagen von Code-Änderungen unterstützt. Er ist über verschiedene Schnittstellen zugänglich, darunter die Weboberfläche von ChatGPT und Erweiterungen für gängige Entwicklungsumgebungen.
Die Nutzung des Werkzeugs hat intern stark zugenommen. Seit der Einführung einer interaktiven Kommandozeilen-Version im August 2025 stieg die Verwendung durch externe Entwickler um das 20-fache. Auch die Ingenieure bei OpenAI setzen stark auf das System. Sie verwenden dieselbe Open-Source-Version, die auch externen Entwicklern zur Verfügung steht.
Vom Feedback zur fertigen Funktion
Der Kreislauf geht über die reine Code-Generierung hinaus. Codex wird auch eingesetzt, um Nutzerfeedback zu analysieren und daraus abzuleiten, welche neuen Funktionen entwickelt werden sollen. „Wir haben Stellen, an denen wir Codex bitten, sich das Feedback anzusehen und dann zu entscheiden, was zu tun ist“, so Embiricos. In Experimenten überwacht die KI sogar ihre eigenen Trainingsprozesse, um Optimierungspotenziale zu identifizieren.
Codex als digitaler Teamkollege
Die Integration von Codex in die täglichen Arbeitsabläufe bei OpenAI ist tiefgreifend. Mitarbeiter können dem KI-Agenten Aufgaben über Projektmanagement-Tools wie Linear zuweisen, genau wie sie es bei einem menschlichen Kollegen tun würden. Diese nahtlose Einbindung macht die KI zu einem festen Bestandteil des Teams.
„Codex ist buchstäblich ein Teamkollege in deinem Arbeitsbereich. Es nähert sich im Grunde dieser Art von Mitarbeiter an und taucht überall dort auf, wo du arbeitest.“Ed Bayes, Designer im Codex-Team
Wenn beispielsweise ein Fehler in einem internen Slack-Kanal gemeldet wird, kann Codex markiert und gebeten werden, das Problem zu beheben. Der Agent erstellt daraufhin selbstständig einen Lösungsvorschlag in Form eines „Pull Requests“, den die menschlichen Teammitglieder überprüfen und freigeben können.
Was ist ein KI-Programmieragent?
Ein KI-Programmieragent ist ein fortschrittliches Softwaresystem, das auf großen Sprachmodellen (LLMs) basiert und darauf spezialisiert ist, menschliche Anweisungen in ausführbaren Code umzusetzen. Im Gegensatz zu einfachen Code-Vervollständigungstools können Agenten wie Codex komplexere Aufgaben übernehmen, eigenständig planen, Code schreiben, testen und Fehler beheben. Sie agieren in einer kontrollierten Umgebung, die mit dem Code-Repository eines Projekts verbunden ist.
Dieser Ansatz wird bei OpenAI als das Onboarding eines „Junior-Entwicklers“ beschrieben. Ed Bayes, Designer im Codex-Team, erklärt: „Wenn man einen Junior-Entwickler einstellt, wie würde man ihn einarbeiten? Man gibt ihm einen Slack-Account, man gibt ihm einen Linear-Account.“ Ziel sei es, dass Codex mit der Zeit von einem Junior- zu einem Senior-Entwickler heranreift.
Praxisbeispiel: App-Entwicklung in Rekordzeit
Eines der eindrucksvollsten Beispiele für die Effizienz von Codex ist die Entwicklung der Android-App für das Video-KI-Modell Sora. Laut Embiricos wurde die App von nur vier Ingenieuren von Grund auf neu entwickelt.
Sora Android-App: Die Zahlen
- Entwickler: 4
- Entwicklungszeit bis zur Fertigstellung: 18 Tage
- Zeit bis zur Veröffentlichung im App Store: 28 Tage
Das Team konnte auf die bereits existierende iOS-App und die serverseitige Infrastruktur zurückgreifen. Codex unterstützte die Ingenieure bei der Planung der Architektur, der Erstellung von Teilplänen für einzelne Komponenten und deren anschließender Implementierung. Das Ergebnis war eine drastisch verkürzte Entwicklungszeit.
Nicht ohne menschliche Aufsicht
Trotz der Erfolge betonen die Verantwortlichen bei OpenAI, dass der Mensch weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Es wird zwischen „Vibe Coding“, bei dem KI-generierter Code ohne genaue Prüfung übernommen wird, und „Vibe Engineering“ unterschieden, bei dem der Entwickler im Prozess involviert bleibt und den Code sorgfältig prüft.
„Wir sehen viel mehr Vibe Engineering in unserer Codebasis“, sagt Embiricos. Der Mensch behalte die Kontrolle und entscheide, wie viel Aufmerksamkeit dem von der KI erstellten Code gewidmet werden müsse.
Die Zukunft der Softwareentwicklung
Der Markt für KI-gestützte Programmierwerkzeuge wächst rasant. Unternehmen wie Anthropic mit Claude Code, Google mit dem Gemini CLI und Mistral AI mit Devstral 2 bieten konkurrierende Produkte an. Für OpenAI ist die Programmierung ein zentrales Anwendungsfeld für KI, da hier ein hoher wirtschaftlicher Wert entsteht und die Technologie Entwicklern hilft, wiederum neue Anwendungen für andere Menschen zu schaffen.
Die Frage, ob solche Werkzeuge Entwicklerjobs gefährden, wird bei OpenAI zurückhaltend beantwortet. Bisher habe der Einsatz von Codex nicht zu einer Reduzierung des Personals geführt. Vielmehr wird das Werkzeug als Verstärker menschlicher Fähigkeiten gesehen. „Es gibt immer einen Menschen im Prozess, denn der Mensch kann den Code tatsächlich lesen“, so Bayes.
Langfristig soll die Technologie auch für Menschen ohne Programmierkenntnisse zugänglich gemacht werden. „Die gesamte Menschheit wird keine IDE öffnen oder wissen, was ein Terminal ist“, so Embiricos. Der heutige Programmieragent sei nur der erste Schritt hin zu einem allgemeineren Agenten, der jedem bei der Lösung von Problemen helfen kann.





