Ein neues Outdoor-Exoskelett namens Hypershell X Ultra soll Wanderern ermöglichen, längere und anspruchsvollere Touren mit deutlich weniger Anstrengung zu bewältigen. Das von einem Startup aus Shanghai entwickelte Gerät wiegt 1,8 Kilogramm und unterstützt die Beinbewegung mit kleinen Elektromotoren, ähnlich dem Prinzip eines E-Bikes.
In Praxistests konnte die Technologie die körperliche Belastung beim Gehen um rund 20 Prozent reduzieren. Damit zielt das Unternehmen nicht nur auf ambitionierte Sportler, sondern auch auf Menschen, die aufgrund körperlicher Einschränkungen bisher auf anspruchsvolle Wanderungen verzichten mussten.
Die wichtigsten Fakten
- Produkt: Hypershell X Ultra, ein Outdoor-Exoskelett für Wanderer und Läufer.
- Funktion: Elektromotoren an der Hüfte unterstützen die Beinbewegung und reduzieren die Anstrengung.
- Leistung: Reduziert die Belastung beim Gehen um 20 % und beim Radfahren um 39 %, laut unabhängigen Tests.
- Gewicht und Akku: Das System wiegt 1,8 kg. Ein Akku hält im Eco-Modus bis zu 30 km.
- Zielgruppe: Wanderer, die ihre Reichweite erhöhen wollen, und Personen mit körperlichen Einschränkungen.
Was ist das Hypershell Exoskelett?
Das Hypershell X Ultra ist ein tragbares robotisches System, das wie ein moderner Klettergurt angelegt wird. Es besteht aus einem gepolsterten Hüftgurt aus einer Titanlegierung, in dem sich ein Lithium-Akku befindet. An beiden Hüften sind kleine Elektromotoren angebracht, die über Carbon-Streben mit Gurten direkt über den Knien verbunden sind.
Das Gerät erkennt, welches Bein der Nutzer anheben möchte, und aktiviert den entsprechenden Motor, um die Bewegung zu unterstützen. Diese Technologie, die bisher vor allem in der Industrie und medizinischen Rehabilitation zum Einsatz kam, wird nun für den Freizeitmarkt zugänglich gemacht. Das von Kelvin Sun gegründete Startup will damit alltägliche körperliche Grenzen überwinden.
„Wir wollen Menschen helfen, mehr zu tun. Wanderer geben auf, weil ihre Beine erschöpft sind. Eltern haben Mühe, mit ihren Kindern mitzuhalten. Diese alltäglichen Frustrationen schränken die Freiheit leise ein“, erklärt CEO Kelvin Sun die Motivation hinter der Entwicklung.
Technische Details und Funktionsweise
Das gesamte System wiegt nur 1,8 Kilogramm und ist in mattem Schwarz gehalten, was es relativ unauffällig macht. Die Steuerung erfolgt entweder über Knöpfe direkt an den Motoren, eine Smartphone-App oder eine Apple Watch. Nutzer können zwischen verschiedenen Modi wählen:
- Eco-Modus: Für maximale Reichweite und moderate Unterstützung.
- Hyper-Modus: Bietet maximale Kraft für steile Anstiege oder hohe Geschwindigkeiten.
- Fitness-Modus: Erhöht den Widerstand aktiv, um das Gehen anstrengender zu machen und einen Trainingseffekt zu erzielen.
Die Leistung der Unterstützung kann innerhalb der Modi prozentual feinjustiert werden. Das System nutzt zudem künstliche Intelligenz, um den individuellen Gang des Nutzers zu lernen und die Unterstützung im Laufe der Zeit zu optimieren.
Leistungsdaten im Überblick
Unabhängige Tests des Schweizer Zertifizierungsunternehmens SGS haben ergeben, dass das X Ultra die Anstrengung beim Gehen um 20 % und beim Radfahren sogar um 39 % reduziert. Die Akkulaufzeit ist stark vom gewählten Modus abhängig: Im Eco-Modus bei 30 % Leistung reicht eine Akkuladung für etwa 30 Kilometer oder 7,5 Stunden, während der Hyper-Modus bei 100 % Leistung eine Reichweite von 5,3 Kilometern (ca. 80 Minuten) hat. Im Lieferumfang sind zwei Akkus enthalten.
Der Praxistest in den Bergen von Wales
Um die Leistungsfähigkeit des Hypershell X Ultra zu testen, wurde eine anspruchsvolle 15-Kilometer-Wanderung in den Glyderau-Bergen in Nordwales durchgeführt. Diese Region ist bekannt für ihr raues, felsiges Gelände und steile Anstiege – ein idealer Härtetest für das System.
Schon bei den ersten Schritten wurde die Wirkung der motorisierten Unterstützung deutlich. Bei leichten Einstellungen fühlte es sich an, als würden die Füße sanft nach vorne geschoben. Bei höherer Leistung im Hyper-Modus wirkte die Bewegung fast mühelos, als würden die Beine von unsichtbaren Fäden gezogen.
Anstiege ohne Schweiß
Besonders an steilen Geröllhängen zeigte das Exoskelett seine Stärken. Ein Tester erreichte nach einem 20-minütigen Aufstieg den Gipfel mit einer Herzfrequenz von nur 86 Schlägen pro Minute, was lediglich 25 Schläge über seiner Ruhefrequenz lag. Ohne die Unterstützung wäre eine solche Leistung nur mit deutlich höherer Anstrengung und Schweißbildung möglich gewesen.
Ein kurzer Test, bei dem die Unterstützung mitten im Anstieg deaktiviert wurde, verdeutlichte den Unterschied: Die Beine fühlten sich sofort schwer und träge an, als würden sie in Sirup stecken. Die motorisierte Hilfe machte den Aufstieg nicht nur einfacher, sondern auch schneller.
Ein wachsender Markt für Wearable Technology
Das Hypershell-Exoskelett ist Teil eines schnell wachsenden Trends im Bereich der tragbaren Technologien für den Outdoor- und Freizeitbereich. Einem Bericht von Grand View Research aus dem Jahr 2024 zufolge wird der Jahresumsatz dieses Sektors von aktuell 84 Milliarden US-Dollar bis 2030 voraussichtlich auf 186 Milliarden US-Dollar ansteigen. Produkte wie GPS-Uhren von Garmin, Fitness-Tracker und spezialisierte Systeme wie der KI-Skilehrer Carv treiben dieses Wachstum voran.
Für wen ist das Exoskelett geeignet?
Die Technologie hinter dem Hypershell X Ultra richtet sich an zwei Hauptzielgruppen. Zum einen sind es erfahrene Wanderer und Sportler, die ihre Leistung steigern, längere Strecken zurücklegen oder zusätzliche Gipfel an einem Tag erklimmen möchten.
Zum anderen eröffnet das System neue Möglichkeiten für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, wie zum Beispiel Knieproblemen oder nachlassender Muskelkraft im Alter. Für sie könnte das Exoskelett den Unterschied bedeuten, ob sie weiterhin aktiv in den Bergen unterwegs sein können oder nicht.
Mehr als nur eine technische Spielerei
Bei einer Begegnung mit einem anderen Wanderer im Testgebiet wurde das Potenzial deutlich. Nachdem er von der Funktionsweise des Geräts erfahren hatte, merkte er an: „Ein Freund von mir liebt die Berge, kann aber wegen seiner Knie nicht mehr mitkommen. Davon werde ich ihm erzählen.“
Die Debatte, ob der Einsatz solcher Technologie als „Betrug“ am reinen Naturerlebnis zu werten ist, wird von CEO Kelvin Sun pragmatisch beantwortet. Er vergleicht es mit dem Autofahren: Zuerst lernt man, das Werkzeug zu beherrschen, dann nutzt man es, um sicher weiter zu kommen.
„Für die einen ist die Herausforderung Teil der Freude. Für andere geht es darum, weiter zu kommen und mehr Zeit draußen zu verbringen. Wenn man ohne Erschöpfung die Natur genießt, ist das kein Betrug – es erweitert das, was möglich ist“, so Sun.
Trotz der Erleichterung ist die körperliche Anstrengung nicht komplett eliminiert. Der Testwanderer legte 15,9 Kilometer zurück und überwand eine Höhe, die 475 Stockwerken entspricht. Das Ergebnis war Muskelkater am nächsten Tag, was zeigt, dass der Körper weiterhin gefordert wird, nur eben auf einem anderen Niveau.





