In vielen modernen Kopfhörern, Fernsehern und Smartphones ist eine leistungsstarke Bluetooth-Technologie namens Auracast bereits integriert. Sie verspricht, die Art und Weise, wie wir Audio im öffentlichen Raum und zu Hause erleben, zu verändern. Trotzdem wissen die wenigsten Verbraucher von ihrer Existenz, da die meisten Hersteller kaum darüber sprechen.
Das Wichtigste in Kürze
- Auracast ermöglicht es, Audio von einer Quelle an eine unbegrenzte Anzahl von Kopfhörern oder Hörgeräten zu senden, ohne dass eine Kopplung erforderlich ist.
- Die Technologie ist bereits in Geräten von Marken wie Sony, Samsung, LG und Google vorhanden.
- Hersteller bewerben das Feature jedoch kaum, was die Verbreitung und den Aufbau der nötigen Infrastruktur verlangsamt.
- Das größte Potenzial liegt in der Verbesserung der Barrierefreiheit für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen.
Was ist Auracast überhaupt?
Auracast ist eine Funktion des Bluetooth-Standards, die das Teilen von Audioinhalten grundlegend vereinfacht. Man kann es sich wie ein persönliches Radiosignal vorstellen. Ein Sender – beispielsweise ein Fernseher am Flughafen, das Mikrofon eines Dozenten oder das eigene Smartphone – strahlt ein Audiosignal aus. Empfänger in der Nähe, wie Kopfhörer oder Hörgeräte, können sich einfach in diesen Stream einklinken.
Der entscheidende Vorteil: Es ist kein umständliches Koppeln (Pairing) mehr notwendig. Stattdessen wählt man den gewünschten Audio-Stream aus einer Liste verfügbarer Übertragungen aus, ähnlich wie bei der Suche nach einem WLAN-Netzwerk.
Mögliche Anwendungsbereiche sind vielfältig:
- Öffentliche Orte: Durchsagen am Bahnhof oder Flughafen direkt ins Ohr bekommen, ohne den Umgebungslärm.
- Fitnessstudios: Den Ton des Fernsehers, vor dem man auf dem Laufband steht, direkt auf die eigenen Kopfhörer streamen.
- Universitäten und Kirchen: Vorlesungen oder Predigten klar und deutlich hören, auch in großen Räumen.
- Zu Hause: Mehrere Personen können denselben Film mit Kopfhörern ansehen, wobei jeder die Lautstärke individuell regelt.
Schon heute verfügbar
Obwohl kaum beworben, ist Auracast bereits in vielen Geräten integriert. Dazu gehören High-End-Fernseher von Samsung (seit 2023) und LG (seit 2025), Smartphones von Google und Samsung sowie Kopfhörer wie die Sony XM5 und XM6. Selbst preiswerte Ohrhörer unter 100 Euro, etwa von EarFun, unterstützen die Technologie bereits.
Ein Feature im Verborgenen
Trotz der breiten Verfügbarkeit in der Hardware führen viele Hersteller Auracast nicht prominent in ihren Produktbeschreibungen auf. Bei den neuesten OLED-Fernsehern von LG muss man tief in den Menüs suchen, um die Funktion überhaupt zu finden. Auf den offiziellen Produktseiten fehlt oft jeder Hinweis.
Eine der wenigen Ausnahmen ist JBL. Das Unternehmen bewirbt Auracast aktiv bei seinen Lautsprechern und Kopfhörern. Dieses Engagement führte anfangs sogar zu der falschen Annahme, es handle sich um eine exklusive JBL-Technologie. Sharon Peng, SVP of Global Engineering bei JBL, erklärte, dass die frühe Integration technologische Herausforderungen mit sich brachte, da der Bluetooth-Standard anfangs noch nicht alle Details für eine robuste Implementierung abdeckte.
„Frühe Anwender wie JBL mussten mit einer gewissen Unklarheit navigieren, aber die Bluetooth SIG hat inzwischen strukturiertere Compliance- und Testprotokolle eingeführt.“
Diese anfänglichen Schwierigkeiten könnten ein Grund für die Zurückhaltung anderer Firmen sein. Berichte von Nutzern zeigten beispielsweise, dass einige JBL-PartyBox-Lautsprecher nur Auracast-Signale von anderen JBL-Geräten empfangen konnten – ein Problem, an dessen Behebung das Unternehmen nach eigenen Angaben arbeitet.
Warum zögern die großen Marken?
Das Zögern der Industrie hat mehrere Gründe. Einerseits scheuen Hersteller oft das Risiko, in eine Technologie zu investieren, deren Akzeptanz beim Kunden noch ungewiss ist. Solange die Verbraucher nicht nach Auracast fragen, sehen viele Unternehmen keinen Anreiz, es prominent zu bewerben.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Trend zu geschlossenen Ökosystemen, den sogenannten „walled gardens“. Firmen wie Apple sind extrem erfolgreich damit, Kunden durch exklusive Features an ihre eigenen Produkte zu binden.
Das Prinzip des "Walled Garden"
Ein „walled garden“ (ummauerter Garten) beschreibt ein geschlossenes technologisches Ökosystem, in dem ein Anbieter die Hardware, Software und Dienste kontrolliert. Geräte innerhalb dieses Systems arbeiten nahtlos zusammen, die Kompatibilität mit Produkten anderer Hersteller ist jedoch oft eingeschränkt. Auracast ist als offener, markenübergreifender Standard das genaue Gegenteil dieses Prinzips.
Würde Apple Auracast in seine weltweit populären AirPods und iPhones integrieren, könnte dies der Technologie über Nacht zum Durchbruch verhelfen. Bislang gibt es aus Cupertino jedoch keinerlei Anzeichen für eine solche Implementierung. Stattdessen setzen viele Unternehmen auf eigene Lösungen, die nur mit der eigenen Hardware funktionieren.
Die Zukunft gehört der Barrierefreiheit
Trotz der langsamen Adaption sind die Befürworter von Auracast, allen voran die Bluetooth Special Interest Group (Bluetooth SIG), optimistisch. Henry Wong, Director of Market Development bei der Bluetooth SIG, betont das wachsende Momentum in der Branche. Man sehe eine steigende Zahl von Herstellern und erste Installationen an öffentlichen Orten wie dem Opernhaus in Sydney.
Das größte Potenzial von Auracast liegt in der Verbesserung der Barrierefreiheit. Menschen mit Hörschwierigkeiten könnten in lauten Umgebungen oder bei öffentlichen Veranstaltungen deutlich besser partizipieren. Familien könnten gemeinsam fernsehen, wobei jeder die Lautstärke und die Klarheit der Dialoge an die eigenen Bedürfnisse anpassen kann.
Damit dieses Potenzial ausgeschöpft werden kann, muss jedoch ein Henne-Ei-Problem gelöst werden: Veranstaltungsorte werden erst dann in die notwendige Sender-Infrastruktur investieren, wenn genügend Menschen kompatible Geräte besitzen. Die Verbraucher werden aber erst dann gezielt nach diesen Geräten suchen, wenn sie die Vorteile der Technologie kennen. Hier liegt die Verantwortung vor allem bei den Herstellern, die Auracast bereits verbaut haben – sie müssen anfangen, darüber zu sprechen.





