In Teilen des russischen Weltraumbahnhofs Wostotschny sind die Lichter ausgegangen. Der regionale Energieversorger hat die Stromzufuhr zu den im Bau befindlichen Bereichen gekappt, nachdem das zuständige Bauunternehmen Rechnungen in Höhe von mehreren hunderttausend Dollar nicht beglichen hat. Dieser Vorfall ist der jüngste in einer langen Reihe von Problemen, die das Prestigeprojekt der russischen Raumfahrt seit Jahren begleiten.
Wichtige Fakten
- Einem Bauunternehmen am Weltraumbahnhof Wostotschny wurde wegen unbezahlter Rechnungen der Strom abgestellt.
- Die Schulden belaufen sich auf rund 627.000 US-Dollar.
- Die aktiven Startrampen sind von der Abschaltung nicht betroffen.
- Das Projekt Wostotschny ist seit Baubeginn 2011 von Korruption und Verzögerungen geprägt.
Stromabschaltung wegen offener Rechnungen
Der Fernöstliche Energiekonzern hat die Stromversorgung für Teile des Weltraumbahnhofs Wostotschny unterbrochen. Grund dafür sind ausstehende Zahlungen des Hauptauftragnehmers für den Bau, der Kasan Open Stock Company (PSO Kazan). Das Unternehmen hat nach Angaben des Energieversorgers Schulden in Höhe von 627.000 US-Dollar angehäuft.
In einer Erklärung begründete der Energieversorger den Schritt als notwendig, „um die Interessen des Energiesystems der Region zu schützen“. Man habe die Geschäftsführung von PSO Kazan wiederholt zur Begleichung der Schulden aufgefordert, jedoch ohne Erfolg. Nun sollen die restriktiven Maßnahmen verschärft werden, falls keine Zahlung erfolgt.
Hohe Schuldenlast
Die unbezahlten Stromrechnungen des Bauunternehmens PSO Kazan belaufen sich auf 627.000 US-Dollar. Der Energieversorger plant nun, ein Insolvenzverfahren gegen das Unternehmen einzuleiten.
Die Betreiber des Weltraumbahnhofs versicherten, dass die beiden aktiven Startrampen nicht von der Stromabschaltung betroffen seien. Der Betrieb laufe normal weiter. Vertreter des Kosmodroms gaben an, dass PSO Kazan die Schulden bis Ende November zurückzahlen werde.
Ein Projekt geplagt von Skandalen
Der Weltraumbahnhof Wostotschny im Fernen Osten Russlands ist eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte des Landes der letzten 15 Jahre. Er soll Russland unabhängiger vom Kosmodrom Baikonur in Kasachstan machen und die heimische Raketentechnik modernisieren.
Doch seit dem Baubeginn im Jahr 2011 wird das Projekt von massiven Problemen überschattet. Die Geschichte von Wostotschny ist geprägt von Korruptionsskandalen, Verzögerungen und Missmanagement. Bereits in den ersten Jahren kam es zu Hungerstreiks von Arbeitern, die monatelang keinen Lohn erhalten hatten.
Millionenbetrug und Verhaftungen
Die Dimension der Probleme wurde öffentlich, als Ermittler den Diebstahl von rund 126 Millionen US-Dollar aufdeckten. In einem anderen Fall wurde ein Mann verhaftet, der 75.000 US-Dollar veruntreut hatte und mit einem diamantbesetzten Mercedes unterwegs war. Auch in den Folgejahren kam es immer wieder zu Säuberungsaktionen und der Entlassung hochrangiger Beamter wegen Korruptionsvorwürfen.
Strategische Bedeutung von Wostotschny
Wostotschny soll Russlands primärer Startplatz für zivile Raumfahrtmissionen werden. Langfristig plant die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos den Betrieb von bis zu sieben Startrampen. Das Projekt ist zentral für die Modernisierung der russischen Raumfahrt und die Reduzierung der Abhängigkeit von ausländischen Startplätzen.
Trotz der Schwierigkeiten wurden Fortschritte erzielt. Im Jahr 2016 startete die erste Sojus-2-Rakete von der Rampe „1S“. Acht Jahre später, im vergangenen Jahr, wurde die zweite Rampe „1A“ mit einem erfolgreichen Start einer Angara-Rakete eingeweiht.
Die umstrittene Rolle des Bauunternehmens
Dass ausgerechnet PSO Kazan an diesem strategisch wichtigen Projekt arbeitet, ist bemerkenswert. Das Unternehmen, das einem russischen Milliardär aus Kasan, Rawil Siganschin, gehört, erhielt im Dezember 2017 den Auftrag zum Bau der zweiten Startrampe für die Angara-Rakete. Ursprünglich sollte die Rampe bereits 2021 fertiggestellt sein.
Die Zusammenarbeit gestaltete sich von Anfang an schwierig. Der Vertrag wurde erst im Oktober 2018 unterzeichnet. Wenige Monate später versuchte Roskosmos, den Vertrag wegen Verzögerungen und des Verdachts auf kriminelle Aktivitäten zu kündigen.
Andere Baufirmen zeigten Interesse, zogen sich aber schnell wieder zurück. Der Grund: Die von der Regierung angebotene Summe sei viel zu niedrig, um die Startrampe kostendeckend zu errichten.
„Ich sagte, ich sei bereit, aber nicht für diesen Geldbetrag. Als sie mich fragten, sagte ich, es gäbe zwei Neuigkeiten. Die erste war, dass die zweite Phase des Kosmodroms in zwei Jahren gebaut werden könnte. Die zweite war, dass es mit dem zugewiesenen Geld nicht gebaut werden könnte. Wenn Sie die Kosten erhöhen, bekommen Sie alles in zwei Jahren. Wenn nicht, tut es mir leid.“
Nachdem alle anderen potenziellen Auftragnehmer abgesprungen waren, musste Roskosmos – damals unter der Leitung von Dmitri Rogosin – auf PSO Kazan zurückgreifen. Beobachter vermuteten, dass Roskosmos in der Baubranche einen derart schlechten Ruf hatte, dass sich kein anderes Unternehmen auf das Projekt einlassen wollte.
Unsichere Aussichten für die Zukunft
Nach jahrelangen Verzögerungen und Kostenüberschreitungen wurde die Angara-Startrampe schließlich fertiggestellt. Der erste Start fand im November des vergangenen Jahres statt. Seitdem herrscht jedoch weitgehend Stille.
Bisher gab es keinen zweiten Start von der neuen Rampe, was auf eine geringe Nachfrage nach der Angara-Rakete hindeutet. Die aktuellen finanziellen Schwierigkeiten des Bauunternehmens und die daraus resultierende Stromabschaltung werfen ein weiteres negatives Licht auf das ambitionierte, aber problembeladene Raumfahrtprojekt.
Ob die zugesagte Rückzahlung der Schulden tatsächlich fristgerecht erfolgt und wie sich die fortwährenden Probleme auf die langfristigen Pläne für Wostotschny auswirken werden, bleibt abzuwarten. Die Lichter mögen vorerst nur in den Baustellen ausgegangen sein, doch die Schatten über Russlands Tor zum Weltraum werden länger.





