Jahrzehntelang galt die Parkinson-Krankheit vor allem als genetisch bedingt. Neue Forschungsergebnisse stellen diese Annahme nun infrage und rücken Umweltgifte in den Fokus. Eine Chemikalie, die jahrzehntelang als harmlos galt und in Industrie und Militär weit verbreitet war, steht im Verdacht, das Risiko für die neurodegenerative Erkrankung drastisch zu erhöhen.
Die Geschichte von Amy Lindberg, einer 26-jährigen Veteranin der US-Marine, wirft ein Schlaglicht auf eine stille Pandemie. Nach einem gesunden und aktiven Leben erhielt sie mit 57 Jahren die Diagnose Parkinson. Ihr Fall ist kein Einzelfall und führt zu einer Militärbasis in North Carolina, wo das Trinkwasser über Jahrzehnte kontaminiert war.
Wichtige Erkenntnisse
- Neue Studien zeigen einen starken Zusammenhang zwischen der Chemikalie Trichlorethylen (TCE) und Parkinson.
- Veteranen der US-Militärbasis Camp Lejeune, die kontaminiertem Wasser ausgesetzt waren, haben ein um 70 % höheres Parkinson-Risiko.
- Forscher gehen davon aus, dass bis zu 90 % der Parkinson-Fälle umweltbedingt sein könnten, nicht primär genetisch.
- Das neue Forschungsfeld der „Exposomik“ untersucht die Gesamtheit der Umwelteinflüsse auf die menschliche Gesundheit.
Ein unsichtbarer Feind im Trinkwasser
Amy Lindberg führte ein diszipliniertes Leben. Als Offizierin in der Navy war sie fit und gesund. Doch um 2017 begannen die Symptome. Ihr rechter Fuß gehorchte nicht mehr, ihre Hände zitterten, und Worte gingen ihr verloren. Die Diagnose des Neurologen war schnell und niederschmetternd: Parkinson-Krankheit.
Lindbergs Geschichte ist eng mit ihrer Dienstzeit auf der Marine Corps Base Camp Lejeune in den 1980er Jahren verbunden. Die Basis wirkte idyllisch, gelegen an der Küste North Carolinas. „Lejeune war einfach malerisch“, erinnert sich Lindberg. „Man hätte nie das Wasser verdächtigt.“
Doch unter der Oberfläche lauerte eine Gefahr. Über einen Zeitraum von etwa 35 Jahren war das Grundwasser der Basis massiv mit Trichlorethylen (TCE) verseucht. TCE ist ein Lösungsmittel, das zur Reinigung von Maschinen und Uniformen verwendet wurde. Die Bewohner der Basis tranken, duschten und kochten mit diesem kontaminierten Wasser, ohne es zu wissen.
Die wachsende Zahl der Erkrankungen
Die Parkinson-Krankheit ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurologische Erkrankung. Jährlich erhalten allein in den USA 90.000 Menschen die Diagnose. Die Raten haben sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt – eine Entwicklung, die mit einem rein genetischen Krankheitsbild kaum zu erklären ist.
Genetik allein reicht nicht aus
Obwohl die Forschung lange Zeit von genetischen Ursachen ausging, können nur etwa 10 bis 15 Prozent aller Parkinson-Fälle vollständig durch die Gene erklärt werden. Für die überwiegende Mehrheit der Patienten bleibt die Ursache ein Rätsel.
„Mehr als zwei Drittel der Menschen mit Parkinson haben keine klare genetische Verbindung“, erklärt Briana De Miranda, eine Forscherin an der University of Alabama in Birmingham. Dies zwingt die Wissenschaft zu einer neuen Frage: „Was könnte es sonst sein?“
Die Chemikalie, die das Gehirn angreift
Die Antwort könnte in Chemikalien wie TCE liegen. Der Zusammenhang zwischen Umweltgiften und Parkinson ist keine völlig neue Idee. Bereits 1982 sorgte ein Fall in Kalifornien für Aufsehen. Mehrere junge Drogenabhängige entwickelten über Nacht schwere Parkinson-Symptome. Die Ursache war eine verunreinigte Designerdroge, die eine Substanz namens MPTP enthielt.
Der Neurologe Bill Langston wies nach, dass MPTP gezielt jene Dopamin-produzierenden Neuronen im Gehirn zerstört, deren Absterben für die Parkinson-Krankheit charakteristisch ist. Er konnte die Krankheit in Affen durch die Verabreichung von MPTP auslösen. Dies war der erste Beweis, dass eine Chemikalie Parkinson verursachen kann.
„Jeder Neurologe konnte diese Affen sehen und sofort wissen, dass es sich um Parkinson handelt“, so Langston. Die Entdeckung versprach, das gesamte Feld der Parkinson-Forschung auf den Kopf zu stellen.
Trotz dieser frühen Erkenntnisse verlagerte sich der Fokus der Forschung in den 1990er Jahren stark auf die Genetik, befeuert durch das Humangenomprojekt und die Entdeckung seltener, erblicher Formen von Parkinson. Die Umwelt-Theorie geriet ins Hintertreffen.
Von der Statistik zum Laborexperiment
Jahrzehnte später lieferte der Fall Camp Lejeune die perfekte Gelegenheit, die Umwelt-Hypothese erneut zu prüfen. Der Epidemiologe Sam Goldman verglich die Gesundheitsdaten von Veteranen aus Camp Lejeune mit denen von Veteranen aus Camp Pendleton in Kalifornien – einer Basis mit sauberem Trinkwasser.
Die Ergebnisse seiner Studie waren eindeutig: Marines, die in Lejeune dem TCE-belasteten Wasser ausgesetzt waren, hatten ein um 70 Prozent höheres Risiko, an Parkinson zu erkranken.
Um den kausalen Zusammenhang zu beweisen, ging die Forscherin Briana De Miranda einen Schritt weiter. In ihrem Labor in Alabama setzte sie Mäuse über Monate hinweg geringen Dosen von inhaliertem TCE aus, um die Bedingungen in Camp Lejeune zu simulieren.
Die Gehirnscans der Mäuse zeigten ein dramatisches Bild. Während die Gehirne der Kontrollgruppe Tausende leuchtender Dopamin-Neuronen aufwiesen, waren die Gehirne der TCE-Mäuse dunkel. Ein Großteil der Neuronen war abgestorben. „Wir sehen leichte Bewegungsdefizite, wir sehen es in ihrem Gang, und wir sehen kognitive Auswirkungen“, berichtet De Miranda.
Was ist Trichlorethylen (TCE)?
TCE ist eine flüchtige organische Verbindung, die als Lösungsmittel zur Entfettung von Metallteilen, in der chemischen Reinigung und in zahlreichen Haushaltsprodukten verwendet wurde. Obwohl seine krebserregende Wirkung bekannt ist, wurde es erst im Dezember 2024 in den USA verboten. Es wird geschätzt, dass Millionen von Menschen weltweit kontaminiertem Trinkwasser ausgesetzt sind.
Eine neue Perspektive auf chronische Krankheiten
Die Erkenntnisse über TCE und Parkinson könnten nur die Spitze des Eisbergs sein. Ray Dorsey, Professor für Neurologie an der Universität von Rochester, bezeichnet Parkinson als eine „vermeidbare Pandemie“. Er ist überzeugt, dass bis zu 90 Prozent der Fälle auf Umweltchemikalien zurückzuführen sind.
Diese Sichtweise verändert den Blick auf viele chronische Krankheiten, deren Häufigkeit in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat:
- Mehr als 75 % der Erwachsenen in den USA leiden an einer chronischen Krankheit.
- Diagnosen wie Autismus, Insulinresistenz und Autoimmunerkrankungen haben epidemische Ausmaße erreicht.
- Die Krebsrate bei Menschen unter 50 Jahren ist auf einem Allzeithoch.
„Das Humangenomprojekt war eine Investition von 3 Milliarden Dollar, und was haben wir herausgefunden?“, fragt Thomas Hartung, ein Toxikologe an der Johns Hopkins Universität. „Fünf Prozent aller Krankheiten sind rein genetisch bedingt. Weniger als 40 Prozent haben überhaupt eine genetische Komponente.“
Das „Exposom“ als Schlüssel zur Gesundheit
Die meisten Krankheiten entstehen aus einer komplexen Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt. Um diese Wechselwirkungen zu verstehen, etabliert sich ein neues Forschungsfeld: die Exposomik. Das Exposom ist die Summe aller Umwelteinflüsse, denen ein Mensch von der Empfängnis bis zum Tod ausgesetzt ist – von der Luftverschmutzung über Pestizide bis hin zu Chemikalien in Kunststoffen.
Forscher wie Gary Miller von der Columbia University wollen das menschliche Exposom kartieren, ähnlich wie es beim menschlichen Genom geschah. „Wir haben die Werkzeuge, um das große Puzzle zusammenzusetzen“, sagt Rima Habre, eine Expertin für Exposomik an der University of Southern California. Durch die Analyse von Blutproben können Wissenschaftler die chemische Belastung im Körper messen und herausfinden, welche Substanzen Krankheiten auslösen.
Für Patienten wie Amy Lindberg kommt diese Forschung zu spät, um ihre Krankheit zu verhindern. Doch sie gibt ihr eine Erklärung und die Kraft, zurückzuschlagen. Sie hat herausgefunden, dass hochintensives Training wie Boxen ihre Symptome lindert. Eine aktuelle Yale-Studie bestätigt, dass Intervalltraining die Dopamin-Signale im Gehirn von Parkinson-Patienten verbessern kann. Die Umwelt mag ihre Krankheit verursacht haben, aber sie kann sie auch nutzen, um dagegen anzukämpfen.





