In vielen Regionen wird es immer schwieriger, einen Termin beim Hausarzt zu bekommen. Lange Wartezeiten von bis zu zwei Jahren für Neupatienten sind keine Seltenheit mehr. Ein US-Kliniknetzwerk testet nun eine radikale Lösung: eine rein digitale Erstversorgung, die auf künstlicher Intelligenz basiert, um den wachsenden Mangel an medizinischem Personal zu überbrücken.
Das Programm namens „Care Connect“ ermöglicht Patienten eine ärztliche Konsultation per App, oft innerhalb von 24 Stunden. Doch während Patienten die schnelle Hilfe schätzen, äußern Ärzte Bedenken, dass Technologie allein die systemischen Probleme im Gesundheitswesen nicht lösen kann.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Mangel an Hausärzten führt zu extrem langen Wartezeiten für Patienten.
- Das US-Krankenhausnetzwerk Mass General Brigham hat „Care Connect“ eingeführt, einen digitalen Gesundheitsdienst mit KI-Unterstützung.
- Patienten interagieren zunächst mit einem KI-Chatbot, bevor sie per Video mit einem Arzt sprechen. Termine sind oft am nächsten Tag verfügbar.
- Ärzte kritisieren das Modell als „Pflaster“ und fordern mehr Investitionen in die klassische hausärztliche Versorgung.
- Experten sehen den Einsatz von KI vor allem bei akuten, unkomplizierten Erkrankungen als sicher an, warnen aber vor dem Einsatz bei komplexen chronischen Krankheiten.
Der wachsende Mangel an Hausärzten
Die Suche nach einem neuen Hausarzt wird für viele zur Geduldsprobe. Etwa 17 % der Erwachsenen in den USA haben keinen festen Hausarzt, und die Situation verschärft sich. In einigen Regionen, wie beispielsweise im US-Bundesstaat Massachusetts, schrumpft die Zahl der Allgemeinmediziner schneller als im Rest des Landes.
Für Patienten hat das konkrete Folgen. Tammy MacDonald, eine Patientin aus Westwood, Massachusetts, erlebte dies hautnah. Nach dem plötzlichen Tod ihres Arztes kontaktierte sie zehn Praxen – keine nahm neue Patienten auf. Einige stellten ihr einen Termin in eineinhalb bis zwei Jahren in Aussicht. „Ich war schockiert“, sagte sie. „Wir leben in Boston und sollen eine großartige medizinische Versorgung haben.“
Dieser Mangel ist kein rein amerikanisches Phänomen. Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern führt die Überlastung der Praxen zu langen Wartezeiten und Aufnahmestopps. Die Gründe sind vielfältig: Viele Ärzte gehen in den Ruhestand, der Nachwuchs fehlt, und die Arbeitsbelastung steigt stetig.
Eine KI-gestützte Lösung namens „Care Connect“
Um diese Versorgungslücke zu schließen, hat Mass General Brigham (MGB), eines der größten Kliniknetzwerke in Massachusetts, ein neues Programm gestartet. „Care Connect“ ist ein digitaler Gesundheitsdienst, der rund um die Uhr verfügbar ist und künstliche Intelligenz nutzt, um den ersten Kontakt mit dem Patienten zu steuern.
Der Prozess ist einfach gestaltet:
- Patienten laden eine App herunter und beschreiben ihre Symptome in einem Chatfenster.
- Ein KI-Agent stellt gezielte Fragen, um die Situation zu analysieren.
- Die KI erstellt eine Zusammenfassung und schlägt einem menschlichen Arzt eine mögliche Diagnose sowie einen Behandlungsplan vor.
- Anschließend findet eine Videokonsultation mit einem der zwölf remote arbeitenden Ärzte des Programms statt.
Für Tammy MacDonald war dies die Rettung. Sie benötigte dringend neue Rezepte für ihre Blutdruckmedikamente. Über Care Connect erhielt sie innerhalb von zwei Tagen einen Termin. „Der Unterschied war gewaltig, nachdem man mir gesagt hatte, ich müsse zwei Jahre warten“, berichtet sie.
Leistungsfähigkeit des Systems
Die Ärzte, die für „Care Connect“ arbeiten, betreuen täglich jeweils 40 bis 50 Patienten. Das System ist für eine Vielzahl von Beschwerden ausgelegt, von Erkältungen und Hautausschlägen über leichte bis mittelschwere psychische Probleme bis hin zur Verwaltung chronischer Erkrankungen.
Chancen und Bedenken aus der Praxis
Die Befürworter argumentieren, dass KI-Systeme wie Care Connect das Gesundheitspersonal entlasten können, indem sie administrative Aufgaben wie die Dokumentation oder Terminplanung übernehmen. Doch in der Ärzteschaft gibt es auch kritische Stimmen.
Dr. Madhuri Rao, eine Hausärztin bei MGB, befürchtet, dass solche Systeme die persönliche Arzt-Patienten-Beziehung untergraben. Sie sorgt sich zudem um den Datenschutz und die Möglichkeit, dass Patientendaten zum Training von KI-Modellen verwendet werden, die Ärzte eines Tages ersetzen könnten. „Was, wenn sie meine Interaktionen mit Patienten nur nutzen, um ihre KI zu trainieren und mich dann aus meinem Job zu werfen?“, fragt sie.
„Wir benutzen [Care Connect] im Grunde, um eine Lücke zu füllen. Das klingt für mich wie ein Pflaster für ein kaputtes System.“
Auch Dr. Michael Barnett, ein weiterer Arzt des Netzwerks, sieht die Entwicklung kritisch. MGB hat zwar 400 Millionen US-Dollar für die Stärkung der hausärztlichen Versorgung über fünf Jahre zugesagt, ein Teil dieses Geldes fließt jedoch in den Vertrag mit dem KI-Anbieter. Viele Ärzte würden es bevorzugen, wenn diese Mittel direkt in die Anwerbung und Bezahlung von menschlichem Personal investiert würden.
Die Rolle des KI-Entwicklers
Hinter der Technologie von Care Connect steht das Unternehmen K Health. Dessen CEO, Allon Bloch, ist überzeugt: „Um die Probleme des Gesundheitswesens bei Kosten, Qualität und Zugang zu lösen, muss man bei der Grundversorgung anfangen und Technologie und KI einsetzen.“ K Health arbeitet auch mit anderen renommierten Institutionen wie der Mayo Clinic und dem Cedars-Sinai Medical Center zusammen.
Die Zukunft der ärztlichen Versorgung
Die Verantwortlichen bei MGB betonen, dass Care Connect die persönliche Versorgung nicht ersetzen, sondern ergänzen soll. „Es ist immer noch wichtig, und die Mehrheit der Patienten hat weiterhin eine persönliche hausärztliche Versorgung“, erklärt Dr. Helen Ireland, die das Programm leitet. Sie räumt ein, dass das Modell nicht für Notfälle oder Situationen geeignet ist, die eine körperliche Untersuchung erfordern.
Unabhängige Experten teilen diese Einschätzung. Dr. Steven Lin von der Stanford University School of Medicine hält den Einsatz von KI-Tools derzeit für am sichersten bei akuten Problemen wie Harnwegsinfekten, Atemwegserkrankungen oder Hautausschlägen.
Bei Patienten mit mehreren chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck könne jedoch nichts die persönliche Betreuung durch einen Arzt ersetzen, der den Patienten und seine Lebensumstände kennt. Dennoch erkennt er den praktischen Nutzen an: „Ich würde es vorziehen, dass diese Patienten versorgt werden, wenn diese Versorgung sicher sein kann, als dass sie gar keine Versorgung erhalten.“
Für Patienten wie Tammy MacDonald ist die digitale Lösung vorerst ein gangbarer Weg. Sie nutzt den Dienst weiterhin, während sie nach einem festen Hausarzt sucht. „Dies ist kurzfristig eine logische Lösung“, sagt sie. „Am Ende des Tages ist es der Patient, der die Folgen der größeren Probleme im Gesundheitswesen spürt.“





