Ein neues experimentelles Medikament zeigt in einer klinischen Studie in Südafrika vielversprechende erste Ergebnisse bei der Behandlung von Präeklampsie. Diese gefährliche Schwangerschaftskomplikation ist weltweit eine der Hauptursachen für Mütter- und Säuglingssterblichkeit. Für tausende betroffene Frauen könnte dies einen Wendepunkt bedeuten.
Forscher berichten, dass das Medikament den Blutdruck der Mütter stabilisieren konnte, ohne die Blutversorgung des ungeborenen Kindes zu gefährden – ein entscheidender Fortschritt gegenüber bisherigen Behandlungsmethoden.
Wichtige Erkenntnisse
- Ein experimentelles Medikament namens DM199 zeigt Potenzial als erste gezielte pharmazeutische Behandlung für Präeklampsie.
- In einer Studie am Tygerberg Hospital in Kapstadt konnte das Medikament den Blutdruck schwangerer Frauen senken und stabilisieren.
- Im Gegensatz zu herkömmlichen Blutdrucksenkern scheint DM199 die Blutgefäße zu heilen und die Durchblutung der Plazenta nicht zu beeinträchtigen.
- Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend, doch es sind größere Studien erforderlich, um die Wirksamkeit und Sicherheit zu bestätigen.
Eine lebensbedrohliche Gefahr in der Schwangerschaft
Für Abigail Hendricks war ihre fünfte Schwangerschaft zunächst ein Segen. Doch die 33-Jährige aus Kapstadt litt bereits unter hohem Blutdruck. Bald kamen Kopfschmerzen und Sehstörungen hinzu. Die Diagnose: Präeklampsie, eine Erkrankung, die Mutter und Kind in Lebensgefahr bringt.
„Sie sagten mir, ich könnte einen Anfall bekommen, weil der Blutdruck zu hoch ist“, erinnert sie sich. „Das machte mir Angst und Sorgen.“ Ihr Blutdruck stieg auf Werte von 163 zu 101, weit über dem Normalwert von 120 zu 80. Die Ärzte im Tygerberg Hospital standen vor einer schwierigen Entscheidung.
Was ist Präeklampsie?
Präeklampsie ist eine ernste Erkrankung, die nur während der Schwangerschaft auftritt. Sie ist durch Bluthochdruck und Schäden an Organen, meist Leber und Nieren, gekennzeichnet. Die Plazenta sendet Signale aus, dass sie nicht genug Sauerstoff erhält, was den Blutdruck der Mutter in die Höhe treibt. Unbehandelt kann sie zu Krampfanfällen (Eklampsie), Organversagen und sogar zum Tod von Mutter und Kind führen. Weltweit sterben jährlich mindestens 42.000 Mütter an den Folgen.
Die einzige wirksame Behandlung ist bisher die Entbindung, also die Geburt des Kindes und die Entfernung der Plazenta. Dies führt jedoch oft zu Frühgeburten, die mit eigenen Risiken für das Neugeborene verbunden sind. Ärzte müssen ständig abwägen: die Gesundheit der Mutter gegen die Entwicklungschancen des Kindes.
Die Suche nach einer Lösung in Kapstadt
Am Tygerberg Hospital in Kapstadt leitet Professorin Cathy Cluver von der Universität Stellenbosch die Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie. Sie und ihr Team betreuen jährlich zwischen 8.000 und 9.000 Hochrisikoschwangerschaften. „Diese Mütter riskieren ihr eigenes Leben für das Wohl ihres Babys“, erklärt Cluver, die selbst eine Präeklampsie durchlebt hat.
Das Problem bei herkömmlichen Blutdruckmedikamenten ist, dass sie zwar den Blutdruck der Mutter senken, aber gleichzeitig die lebenswichtige Blutzufuhr zur Plazenta reduzieren können. Cluver suchte seit einem Jahrzehnt nach einer Therapie, die beides kann: den Blutdruck senken und die geschädigten Blutgefäße heilen.
Die Forscher erhielten vor etwa zwei Jahren eine E-Mail von DiaMedica Therapeutics, einem US-Pharmaunternehmen. Sie testeten ein Medikament namens DM199 für Schlaganfallpatienten, dessen Wirkmechanismus auch bei Präeklampsie helfen könnte.
Cluver war anfangs skeptisch, doch nach genauerer Prüfung erkannte sie das Potenzial. „Es könnte funktionieren, weil es alle Kriterien erfüllt, die wir uns wünschen“, sagt sie. Daraufhin startete sie mit ihrem Team eine klinische Studie mit schwangeren Frauen, die aufgrund von gefährlich hohem Blutdruck kurz vor einer Frühgeburt standen.
Ein unerwarteter Durchbruch
Die ersten Wochen der Studie verliefen ernüchternd. „Ich war so nervös am ersten Tag“, erzählt Cluver. Die ersten 15 Patientinnen erhielten ansteigende Dosen des Medikaments, doch ihr Blutdruck zeigte kaum eine Reaktion.
Jacqui Thake, eine Forschungs-Krankenschwester, die die Studie betreut, dachte bereits, das Medikament sei wirkungslos. „Es gab wirklich keinen Unterschied im Blutdruck – vielleicht hier und da eine kleine Veränderung, aber nichts Wesentliches.“
„Wir haben die Infusion gestartet, und plötzlich hat sich ihr Blutdruck stabilisiert. Wir sahen, wie diese himmelhohen Werte sanken und dachten: Das kann nicht sein. Das ist unmöglich!“
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Doch dann kam die 16. Patientin. Sie erhielt die nächsthöhere Dosis. Das Ergebnis war sofort sichtbar. „Wir haben die Infusion buchstäblich aufgedreht und ihr Blutdruck stabilisierte sich“, erinnert sich Cluver. Der Durchbruch war geschafft. Bei allen folgenden Patientinnen mit derselben oder einer höheren Dosis wiederholte sich der Erfolg.
Wie wirkt das neue Medikament?
Die ersten Analysen deuten darauf hin, dass DM199 anders wirkt als herkömmliche Mittel. „Das Medikament stabilisiert die Auskleidung der Blutgefäße, es macht die Blutgefäße glücklicher“, erklärt Cluver. Anstatt nur den Druck zu senken, scheint es die zugrunde liegende Ursache der Gefäßschäden anzugehen.
Besonders wichtig ist eine weitere Beobachtung:
- Das Medikament scheint die Plazentaschranke nicht zu überwinden.
- Es gelangt offenbar auch nicht in die Muttermilch.
Diese Eigenschaften deuten darauf hin, dass das Baby wahrscheinlich nicht direkt mit dem Wirkstoff in Kontakt kommt, was die Sicherheit der Behandlung erheblich erhöhen würde.
Blick in die Zukunft
Abigail Hendricks wurde Patientin Nummer 24 in der Studie. Kurz bevor ihre Wehen eingeleitet wurden, erhielt sie das neue Medikament. Ihr Blutdruck sank langsam und stabilisierte sich. Ihr Sohn Hayden kam gesund zur Welt. „Als ich mein Baby zum ersten Mal hielt, habe ich geweint. Ich hatte so viel Freude im Herzen zu wissen, dass es ihm gut geht. Und mir ging es auch gut.“
Experten, die nicht an der Studie beteiligt sind, äußern sich hoffnungsvoll, aber auch vorsichtig. Dr. Corneila Graves, medizinische Direktorin bei Tennessee Maternal Fetal Medicine, nennt die Studie „sehr vielversprechend“, betont aber die Notwendigkeit größerer Datenmengen. „Was an dieser Studie wirklich vielversprechend ist, ist, dass sie auch die Durchblutung der Plazenta erhöht“, fügt sie hinzu.
Auch Dr. Kara Rood von der Ohio State University ist von den ersten Ergebnissen ermutigt. Sie möchte jedoch sehen, wie das Medikament bei Frauen wirkt, die sich in einem früheren Stadium der Schwangerschaft befinden. „Der wahre Test wird sein, ob dieses Medikament die Schwangerschaft sicher verlängern kann, um die Risiken für das Neugeborene zu verringern.“
Das Team in Kapstadt arbeitet weiter daran, die genaue Wirkungsweise zu verstehen. Wenn sich die Ergebnisse in größeren Studien bestätigen, könnte DM199 die erste spezifische medikamentöse Therapie für eine der gefürchtetsten Komplikationen in der Schwangerschaft werden und unzähligen Familien Leid ersparen.





