Ein seit über 60 Jahren eingesetztes Medikament zur Behandlung von Typ-2-Diabetes offenbart eine unerwartete Wirkungsweise. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Metformin nicht nur in Leber und Darm, sondern auch direkt im Gehirn den Blutzuckerspiegel reguliert. Diese Entdeckung könnte die Diabetestherapie grundlegend verändern.
Wichtige Erkenntnisse
- Metformin, ein Standardmedikament bei Typ-2-Diabetes, entfaltet seine Wirkung auch im Gehirn.
- Forscher identifizierten einen spezifischen Signalweg im Hypothalamus, der durch das Medikament beeinflusst wird.
- Die neuen Erkenntnisse könnten zu gezielteren und wirksameren Behandlungen führen.
- Die Wirkung im Gehirn tritt bereits bei deutlich niedrigeren Konzentrationen ein als in anderen Organen.
Ein bewährtes Medikament neu betrachtet
Seit Jahrzehnten ist Metformin eine tragende Säule in der Behandlung von Typ-2-Diabetes. Millionen von Menschen weltweit nehmen das Medikament täglich ein, um ihren Blutzuckerspiegel zu kontrollieren. Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass seine Hauptwirkung auf zwei Mechanismen beruht: der Reduzierung der Zuckerproduktion in der Leber und einer veränderten Aufnahme im Darm.
Doch die genaue Funktionsweise war nie vollständig geklärt. Ein Forschungsteam des Baylor College of Medicine in den USA hat nun einen entscheidenden neuen Aspekt aufgedeckt. Ihre Untersuchungen legen nahe, dass das Gehirn eine zentrale Rolle bei der blutzuckersenkenden Wirkung von Metformin spielt.
Was ist Metformin?
Metformin ist ein orales Antidiabetikum, das seit den 1950er Jahren zur Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt wird. Es hilft dem Körper, Insulin effizienter zu nutzen und senkt die Menge an Zucker, die von der Leber produziert wird. Aufgrund seiner Wirksamkeit, Sicherheit und niedrigen Kosten gilt es als Erstlinienbehandlung.
Die Entdeckung im Gehirn
Die Forscher konzentrierten sich auf eine bestimmte Region im Gehirn, den ventromedialen Hypothalamus (VMH). Dieser Bereich ist bekannt für seine Funktion als wichtiger Regler für den gesamten Glukosestoffwechsel des Körpers. "Wir haben das Gehirn untersucht, da es als Schlüsselregulator des Glukosehaushalts anerkannt ist", erklärt Makoto Fukuda, einer der leitenden Wissenschaftler der Studie.
Frühere Arbeiten des Teams hatten bereits ein Protein namens Rap1 im VMH als wichtigen Faktor für den Stoffwechsel identifiziert. Die neue Studie, die an Mäusen durchgeführt wurde, zeigte nun, dass Metformin gezielt in diese Gehirnregion gelangt und dort seine Wirkung entfaltet.
Ein molekularer Schalter wird umgelegt
Die Experimente zeigten, dass Metformin im VMH das Rap1-Protein quasi "ausschaltet". Um diese Hypothese zu beweisen, züchteten die Wissenschaftler Mäuse, denen dieses Protein fehlte. Das Ergebnis war eindeutig: Bei diesen Tieren zeigte Metformin keine blutzuckersenkende Wirkung mehr, obwohl andere Diabetesmedikamente weiterhin funktionierten.
"Diese Entdeckung verändert unsere Denkweise über Metformin. Es wirkt nicht nur in der Leber oder im Darm, sondern auch im Gehirn", so Fukuda.
Dies ist ein starker Beleg dafür, dass der Wirkmechanismus im Gehirn für die Effektivität des Medikaments von entscheidender Bedeutung ist und sich von dem anderer Medikamente unterscheidet.
Geringe Dosis, große Wirkung
Ein besonders interessantes Ergebnis der Studie ist die hohe Empfindlichkeit des Gehirns gegenüber Metformin. Die Forscher konnten nachweisen, dass das Gehirn bereits auf sehr viel niedrigere Konzentrationen des Wirkstoffs reagiert als Leber oder Darm.
Fakt: Gehirn reagiert empfindlicher
Die Studie fand heraus, dass Leber und Darm hohe Konzentrationen von Metformin benötigen, um zu reagieren. Das Gehirn hingegen zeigt bereits bei deutlich geringeren Mengen eine Reaktion, was auf einen hocheffizienten Wirkmechanismus hindeutet.
Die Wissenschaftler konnten sogar die genauen Nervenzellen identifizieren, die durch Metformin aktiviert werden. Es handelt sich um sogenannte SF1-Neuronen im Hypothalamus. Injektionen von Metformin direkt in das Gehirn von Mäusen führten zu einer messbaren Senkung des Blutzuckerspiegels, was die direkte Wirkung untermauert.
Blick in die Zukunft der Diabetesbehandlung
Diese neuen Erkenntnisse eröffnen vielversprechende Perspektiven. Wenn die Wirkung von Metformin im Gehirn besser verstanden wird, könnten in Zukunft Medikamente entwickelt werden, die gezielt diese spezifischen Neuronen ansteuern. Solche Therapien könnten potenziell wirksamer sein und weniger Nebenwirkungen haben.
Die Forschung wirft auch ein neues Licht auf andere Beobachtungen im Zusammenhang mit Metformin. So gibt es Studien, die darauf hindeuten, dass das Medikament die Alterung des Gehirns verlangsamen und die Lebensdauer verlängern könnte. Die nun entdeckte direkte Wirkung im Gehirn könnte eine Erklärung für diese Effekte liefern.
Der nächste entscheidende Schritt wird sein, diese Ergebnisse in klinischen Studien am Menschen zu bestätigen. Sollte dies gelingen, könnte ein über 60 Jahre altes Medikament den Weg für eine völlig neue Generation von Diabetestherapien ebnen.





